Johann V. Flugi von Aspermont

1601 – 1627


von Albert Fischer




Sowohl über direkte Vorfahren des Fürstbischofs als auch über die gesamte frühere Geschichte des Geschlechts Flugi herrscht nach wie vor Unklarheit, da der Stammbaum bis zu Johann V. durch keinerlei zeitgenössische Quellen sicher belegt werden kann. Der Name Flugi ist erstmals im 15. Jahrhundert im Engadin nachzuweisen. Belehnungen mit bischöflichen Gerechtsamen erhärten die Anwesenheit dieses Geschlechts im dem Gotteshausbund zugehörigen Ort St. Moritz um 1447. Notizen aus dem 18./19. Jahrhundert bezeichnen Otto Flugi und Margaritha Prevost, die 1541 geheiratet hatten, als Eltern des späteren Bischofs Johann V. und seines Bruders Andreas, Schlosshauptmann auf der Fürstenburg (1605–1622). Letzterer schloss mit Anna Danz aus Zuoz die Ehe, aus der als erstes von vier Kindern ein weiterer Churer Bischof hervorging: Johann VI. Flugi von Aspermont (1636–1661).

 

Die Bezeichnung “von Aspermont” wurde dem Familiennamen erst durch die beiden Churer Bischöfe beigefügt. Erzherzog Matthias von Österreich (seit 1608), der spätere deutsche Kaiser (1612–1619), verlieh den Flugi 1608 den Adelstitel der Ritter von Aspermont. Nach dem Tod seines Vaters (1622) belehnte Bischof Johann V. am 7. Januar 1623 seine beiden Neffen Johann (den späteren Bischof) und Jakob (geb. 1599, ebenfalls Schlosshauptmann auf der Fürstenburg 1625–1628) mit der Burgruine Alt-Aspermont oberhalb von Trimmis und verlieh auch ihnen das Adelsprädikat “von Aspermont”.

 

Johann Flugi wurde 1550 in La Punt-Chamues-ch im Oberengadin geboren. Bis zu seiner Priesterweihe am 19. März 1575 durch Beat à Porta in der Kapelle der Feste Fürstenburg fehlen weitere Angaben. 1576 erhielt der Neugeweihte die Pfarrpfründe St. Donatus in Obervaz, wo er bis 1585 seelsorgerlich wirkte. Im Frühjahr 1577 wurde er als Vermittler kurzfristig nach St. Moritz gerufen, um die Oberengadiner Gemeinde im katholischen Glauben zu bewahren, vermochte dort aber der Annahme des zwinglianischen Bekenntnisses nicht mehr Einhalt zu gebieten. Von 1585 bis 1597 hatte Johann Flugi die bedeutende Stadtpfarrei St. Nikolaus in Feldkirch inne, die gemäss der Verordnungen della Torres seit 1599 gleichzeitig Sitz eines der vier bischöflichen Vikare wurde. Bereits ab 1586 taucht Johann Flugi in den Dokumenten des Domkapitels als Churer Kanoniker auf. 1593 ist er erstmals als Domscholastikus bezeugt. Am 24. Oktober 1595 wählten ihn die Kanoniker zum Vizedekan. Am 28. Januar 1597 wurde Flugi – weiterhin die Seelsorge in Feldkirch wahrnehmend – zum Domdekan gewählt. Seit November 1598 hatte er Wohnsitz auf dem Hof in Chur. Die Richtlinien della Torres von 1598/99 verlangten die Residenzpflicht von sechs Kapitularen. Nuntius della Torre ernannte nach dem Tod Venostas (1598) Flugi zum neuen Generalvikar. Der reformorientierte Geistliche wurde am 9. Februar 1601 in Chur zum Nachfolger Raschèrs gewählt. Mit Johann Flugi bekam das Bistum Chur seinen ersten Reformbischof. Vom Gotteshausbund massiv unter Druck gesetzt, leistete Flugi nach anfänglichem Widerstand den Eid auf die sechs Artikel von 1541. Am 9. April 1601 erfolgte die päpstliche Konfirmation. Am 22. Juli des gleichen Jahres erteilte ihm Nuntius Giovanni della Torre in Luzern die Bischofsweihe.

 

Die vielschichtig ineinander verwobenen und sich überstürzenden Ereignisse im Freistaat der Drei Bünde im europäischen Spannungsfeld des 17. Jahrhunderts – hervorgerufen durch Parteienkampf zwischen französisch-venezianisch und spanisch-habsburgisch Gesinnten, Bündnisversprechungen gegenüber den politischen Grossmächten und Bestechungen – führten zu einem jahrelangen gespannten Verhältnis zwischen ‘Staat’ und ‘Kirche’, das die Regierungszeit Bischofs Johann V. sowie das Voranschreiten bzw. Hinhalten in Fragen der innerkirchlichen Reform massgeblich bestimmte.

 

Die unrühmlichen “Bündner Wirren” nahmen mit dem Churer Strafgericht 1607 und den beiden Strafgerichten zu Ilanz 1607/08 ihren Anfang. Der Urteilspruch “im Nammen gemeiner drey pündten” vom 27. Juli 1608 enthielt die unannehmbare Forderung an den Churer Bischof, die Drei Bünde als sein rechtmässige Obrigkeit anzuerkennen und dies öffentlich kundzutun. Bei Weigerung drohte ihm Landesverweis und Amtsenthebung. Der bereits 1607 nach Feldkirch geflüchtete und anschliessend auf der Fürstenburg weilende Johann V. kehrte 1610 unter Zusicherung freien Geleits kurzzeitig nach Chur zurück, musste jedoch bald wieder ins Vorarlbergische bzw. in den Vinschgau ausweichen, von wo aus er seinen bischöflichen Aufgaben soweit möglich nachzukommen suchte. Auf dem 1618 abgehaltenen Strafgericht zu Thusis, wo Erzpriester Nicolò Rusca aus Sondrio (1563–1618) unter der Folter starb, verurteilte man anhand von 15 willkürchlich aufgestellten Anklagepunkten am 15. September auch den Churer Bischof. Das Urteil lautete auf Landesverweis; bei seiner Rückkehr nach Bünden drohte Johann V. die Todesstrafe. Die von Mitgliedern des Domkapitels in Betracht gezogene Resignation des Bischofs lehnte Johann V. ab, da sein Amtsverzeicht einer Anerkennung des Schandurteils von Thusis gleichgekommen wäre und zum Schaden des katholischen Glaubens in Bünden und des ganzen Bistums gereichte. Die Justiz in Bünden, das in den Zustand der völligen Anarchie geraten war, verkam zu einem tödlichen Werkzeug der Parteileidenschaft im politischen und konfessionellen Zwist.

Eine Rückkehr nach Chur war für den bedrängten Bischof nur unter folgenden Bedingungen möglich: Restitution der dem Hochstift Chur, den Klöstern im Bistum und dem Klerus durch die Reformation entzogenen Güter, Zinsen und Rechte sowie die Aufhebung der Ilanzer Artikel von 1524/26. Ferner machte Johann V. seine Ansprüche auf ein katholisches Veltlin geltend und verlangte die flächendeckende Einführung des Gregorianischen Kalenders.

 

Am 15. Januar 1622 erfolgte in Mailand die Erneuerung der seit 1518 bestehenden Erbeinigung zwischen dem Hause Habsburg und dem Bischof von Chur, dem Oberen/Grauen Bund, dem Gotteshausbund sowie der Herrschaft Maienfeld. Der unter Federführung Spaniens und Österreichs ausgearbeitete Text verpflichtete die Unterzeichnenden zur Restitution aller dem Bistum Chur zustehenden Güter und Rechte, die Annullierung sämtlicher antikatholischer Dekrete sowie die uneingeschränkte Akzeptanz und Missionstätigkeit kirchlich anerkannter Orden. Der Vertragsabschluss bot im österreichisch besetzten Territorium Bündens die Handhabe zu energischen Rekatholisierungsversuchen, welche den Prättigauer Aufstand vom 23./24. April 1622 hervorriefen, in deren Verlauf der Kapuziner Fidelis von Sigmaringen (1577/78–1622) in Seewis i. Pr. ermordet wurde. Österreichs Truppen drangen in Bünden ein. Der im September 1622 ausgehandelte Lindauer Vertrag und die sog. “Scappischen Artikel” vom Dezember 1623 unterstrichen die bereits in Mailand formulierten Forderungen. Die hohen Erwartungen auf geistlicher Seite erfüllten sich jedoch nicht, da Österreich als verbriefter “Schirmherr” des Bistums Chur seine aktive Kirchenpolitik faktisch allein auf die Rekatholisierung der Acht Gerichte und des Unterengadins beschränkte. Vor dem Hintergrund der instabilen Lage im Bistum (Offensive Frankreichs 1624/25) betrachtete Österreich die kirchliche Restitution als interne Angelegenheit, welche zwischen dem Churer Bischof, dem Domkapitel und den Gemeinden geregelt werden sollte. Der gesundheitlich angeschlagene Bischof resignierte am 24. August 1627; bereits am 30. August verstarb er. Die Beisetzung fand in der Kathedrale zu Chur statt.

 

Der seit Ausbruch der Reformation andauernde Befreiungskampf der katholischen Kirche aus staatlicher Bevormundung verband sich im Bistum Chur mit dem Ringen um die Durchsetzung und Annahme der innerkirchlichen Erneuerung, welche Johann V. Flugi von Aspermont zusammen mit reformgesinnten Geistlichen aus dem Domkapitel und Seelsorgeklerus sowie der steten Schützenhilfe des Nuntius in seiner leidgeprüften Amtszeit gelang. Als wichtigste Grundlage dienten ihm und seinen beiden Nachfolgern die von Flugi erlassenen und 1605 in Konstanz gedruckten “Decreta et Constitutiones pro universo sui Episcopatus Clero”. Die beiden Brennpunkte dieses bischöflichen Statuts – Klerusreform und Erneuerung bzw. Intensivierung der Sakramentenpastoral – wiesen dem Diözesanklerus den Weg für ein erfolgreiches priesterliches Wirken in der Pfarrseelsorge. Ihr Inhalt wurde bei Visitationen (unter Johann V. in den Dekanaten Walgau [1624], Misox [1605, 1611, 1626], Ob dem Churer Wald [1623] eingeschärft. 1623 publizierte Flugi wenigstens in den katholischen Diözesanteilen die Trienter Konzilsdekrete und das Ehedekret “Tametsi”. Ebenso gelang die Annahme des Gregorianischen Kalenders im altgläubigen Gebiet der Drei Bünde. Rekatholisierungsversuche protestantischer Gemeinden im Prättigau und Engadin durch Kapuzinerpatres aus Süddeutschland und aus der Provinz Brescia blieben hingegen langfristig erfolglos. Einig in katholischen und in einigen paritätischen Pfarreien vermochten sie das religiöse Leben neu zu beleben und zu festigen.

 

Der Durchbruch nach einem langjährigen Ringen um die Katholische Reform Ende des 16. Jahrhunderts gelang also in einer Zeit gefährlicher konfessionspolitisch geprägten Wirren dank eines vom Geist borromäischen Eifers durchdrungenen Priesters und Bischofs, der trotz Verfolgung und persönlich erlittener Schmähung die Mahnworte Carlo Borromeos 1583 an seinen Churer Amtsvorgänger beherzigte und befolgte: “Du musst deines Amtes besser walten und alle Nachlässigkeit in der Sorge um die Seelen vermeiden.