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Bistumsgeschichte
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Streifzug durch die Churer Bistumsgeschichte

von Dr. theol. Albert Fischer, Diözesanarchivar Sowohl   die   Anfänge   des   Christentums   in   Rätien   als   auch   die   Errichtung   des Bistums    Chur    liegen    weitgehend    im    Dunkeln.    Der    erst    451    nachweisbare Bischofssitz   Chur   am   strategisch   wichtigen   nördlichen   Ausgangspunkt   zu   den Bündner   Alpenübergängen    Julier,    Septimer    und    Splügen    gehörte    nach    der Eroberung    durch    die    Römer    15    v.    Chr.    zuerst    zur    Provinz    Raetia.    Bei    der Neueinteilung     der     römischen     Provinzen     im     4.     Jahrhundert     wurde     Chur römischer   Verwaltungssitz   und   Hauptort   der   «Raetia   prima».   Wahrscheinlich Ende   des   4.   /   anfangs   des   5.   Jahrhunderts   wurde   von   Mailand   aus   das   Bistum Chur   gegründet. Als   erster   historisch   nachweisbarer   Bischof   von   Chur   gilt Asinio (bezeugt    451).    Die    Bistumsgrenzen    waren    zunächst    weitgehend    deckungs- gleich    mit    der    römischen    Provinz    der    «Raetia    prima»;    die    nördlichen    Teile südlich   des   Bodensees   wurden   dann   im   7.   Jahrhundert   dem   neuen   Bistum Konstanz    zugeschlagen.    Wahrscheinlich    seit    Beginn    der    Bistumsgründung gehörte   auch   der   Vinschgau   bis   und   mit   Meran   zum   kirchlichen   Sprengel   Chur, welcher   bis   Mitte   des   9.   Jahrhunderts   als   Suffragan   dem   Erzbistum   Mailand unterstand. Mit    der    Eroberung    Venetiens    durch    den    Merowingerkönig    Theutebert    kam Rätien    um    536/539    unter    fränkische    Oberhoheit;    die    Verfassungs-    und Verwaltungsstrukturen   aus   römischer   Zeit   blieben   daselbst   jedoch   bestehen. Deren    herausragendes    Merkmal    war    die    Vereinigung    von    weltlicher    und geistlicher   Gewalt   in   den   Händen   der   einheimischen   Familie   der   Viktoriden (Zacconen)   in   Rätien.   Diese   Dynastie   erreichte   den   Höhepunkt   ihres   Einflusses im    8.    Jahrhundert    und    regierte    nach    dem    Niedergang    der    fränkischen Herrschaft   weitgehend   selbständig.   Als   letzter   Vertreter   der   Viktoriden   versah der   Churer   Bischof   Tello   (bezeugt   759/60–765)   in   Personalunion   das   weltliche Amt     des     Praeses     sowie     das     geistliche     Amt     des     Bischofs     und     hatte entsprechend   die   Gesamtherrschaft   über   Rätien   inne.   Die   feste   Eingliederung Rätiens    in    das    karolingische    Imperium    begann    nach    der    Eroberung    des Langobardenreichs   773/74   durch   Karl   den   Grossen   und   der   stärkeren   Bindung der Alemannen   an   das   Frankenreich.   Nach   806   führte   Karl   der   Grosse   in   Rätien die   karolingische   Grafschaftsverfassung   ein;   trennte   die   geistliche   und   weltliche Gewalt   und   damit   verbunden   Bistumsgut   von   Königs-   und   Grafschaftsgut.   Diese «divisio»     kam     einer     Neuordnung     der     Besitz-,     Macht-     und     Herrschafts- verhältnisse    in    Rätien    gleich;    sie    beendete    die    frühmittelalterliche    Churer Bischofsherrschaft   und   führte   zu   einem   erheblichen   Verlust   von   bischöflichem Kirchengut.    In    der    Klageschrift    des    Churer    Bischofs    Viktor    III.    (bezeugt 822/23–831)   gegen   die   Säkularisationen   unter   Karl   dem   Grossen   und   Ludwig dem   Frommen   zur   Ausstattung   des   neu   geschaffenen   Grafenamtes   in   Rätien wird    deutlich,    dass    im    9.    Jahrhundert    bereits    ein    reges    kirchliches    wie klösterliches    Leben    vorherrschte    und    eine    ausgebaute    Pfarreiorganisation vorlag;    zu    den    frühen    Kanonissenstiften    bzw.    Klöstern    zählen    die    Nieder- lassungen   in   Cazis,   Mistail,   Schänis,   Disentis,   Pfäfers   und   Müstair.   In   Folge   der Zuteilung   Rätiens   im   Vertrag   von   Verdun   843   an   das   ostfränkische   Reich   unter Ludwig   dem   Deutschen   kam   das   Bistum   Chur   von   Mailand   weg   und   wurde   als Suffragan bis 1803 der Kirchenprovinz Mainz eingegliedert. ---------------------------------------------------------------------------------------------------------- Zirkumskription des Bistums Chur zwischen dem 8./9. Jahrhundert und 1816 • das Gebiet des heutigen Kantons Graubünden   (ohne das Puschlav [zum Bistum Como]) • das Urserntal zwischen Oberalpass und Passhöhe der Furka • die nördlichsten Teile des heutigen Kantons Glarus • die südlichen Teile des heutigen Kantons St. Gallen   (Linthebene, Sarganserland) • das Rheintal bis zum Hirschensprung (Rüthi) einschliesslich der   obertoggenburgischen Gemeinde Wildhaus • das Gebiet des seit 1719 bestehenden Fürstentums Liechtenstein • das Gebiet des südlichen Vorarlbergs bis und mit Götzis • das Paznauntal • der obere und untere Vinschgau • die nördlichen Teile des Burggrafenamts mit der Stadt Meran   (Grenze: Einfluss der Passer in die Etsch) • rechte Talseite des Passeiertals   (bis und mit Gemeinde St. Martin in Passeier) ---------------------------------------------------------------------------------------------------------- Aufgrund     der     geostrategischen     Lage     des     Churer     Bischofssitzes     am Knotenpunkt    der    Passrouten    über    die    rätischen   Alpen    gewannen    auch    die Churer   Bischöfe   nach   dem   Einbruch   durch   die   «divisio»   im   10.   /   11.   Jahrhundert wieder   kräftig   an   Bedeutung   und   Einfluss.   Mittels   königlichen   Schenkungen   und umfangreichen   Privilegien   an   die   Bischöfe,   vor   allem   unter   Kaiser   Otto   I.,   wurde die   Grundlage   zu   einer   feudalen   geistlichen   Herrschaft   auf   dem   Territorium   des Bistums   Chur   geschaffen   (Hochstift);   dazu   kamen   Münz-,   Zoll-   und   Steuer- rechte.   Das   hervorragende   Einvernehmen   zwischen   den   Bischöfen   und   dem deutschen   Königtum   hielt   bis   zum   Investiturstreit   an;   dieser   führte   dann   auch   in Chur   zu   einem   Wechsel   von   päpstlichen   und   königlichen   Parteigängern   unter den   geistlichen   Amtsträgern.   Auch   gegenüber   den   Staufischen   Herrschern   im 12.   Jahrhundert,   in   deren   Gefolge   die   Churer   Hirten   wiederholt   auf   Reichs-   und Hoftagen anzutreffen waren, blieb die Gesinnung kaiser- und reichstreu. Neben   seinen   Reichsdiensten   gilt   Bischof   Adalgott   (1151–1160)   auf   Bistums- ebene    als    herausragende    Persönlichkeit;    er    war    wahrscheinlich    der    erste Bauherr   der   heutigen   Kathedrale   (Bauzeit   zwischen   1150   und   1272)   und   ein eifriger   Reformer   des   monastischen   Lebens.   1170   befreite   Kaiser   Friedrich   I. Barbarossa   den   Churer   Bischof   Egino   (1163–1170)   vom   Reichs-   und   Hofdienst –   die   Geburtsstunde   der   Churer   Oberhirten   als   geistliche   Reichsfürsten   (bis 1806). Die    Bestrebungen    zur    Herrschaftsverdichtung    führten    auf    regionaler    Ebene zunehmend   zu   Konflikten   und   Fehden   zwischen   den   Churer   Bischöfen   und verschiedenen    bischöflichen    Vögten    und    Lehensträgern,    wie    den    Familien Matsch,   Werdenberg   und   Toggenburg.   Dessen   ungeachtet   gelangen   im   12.   / 13.   Jahrhundert   weitere   Gründungen   wichtiger   monastischer   Gemeinschaften: die   Prämonstratenserniederlassungen   in   St.   Luzi   in   Chur   und   in   Churwalden, das   Johanniterpriorat   in   Feldkirch   sowie   männliche   wie   weibliche   dominika- nische Ordensgemeinschaften in Chur, Weesen, Bludenz und Algund. ---------------------------------------------------------------------------------------------------------- Ausbildung des Hochstifts Chur (weltliches Herrschaftsterritorium der Churer Bischöfe) seit dem 12. Jahrhundert Auf dem Territorium des Bistums Chur: • die Stadt Chur (bis 1464) und der bischöfliche Hof (bis 1803) • die «Vier Dörfer» (Igis, Zizers, Trimmis und Untervaz) •   die   Kerngebiete   lagen   an   den   Nord-Süd-Achsen   entlang   der   Julier-,   Septimer- und   Splügenpassroute:   also   die   Talschaften   Domleschg,   Schams,   Rheinwald, Oberhalbstein, Albulatal, Bergell, Oberengadin • Münstertal • Herrschaft Flums • Streubesitz in der Surselva, im Unterengadin und im Vinschgau Ausserhalb des Bistums Chur: • im Hochmittelalter vorübergehend Chiavenna und Bormio • Streubesitz um Landeck • Herrschaft Grossengstingen (ca. 937–1694/1717) Burgen und Verwaltungssitze (neben dem Hof in Chur): 30 (im 15. Jh.) ---------------------------------------------------------------------------------------------------------- Eine    neue    Epoche    begann    im    14.    Jahrhundert    mit    der    immer    stärkeren Anlehnung     der     Churer     Bischöfe     an     Österreich,     der     Intensivierung     des habsburgischen     Einflusses     im     rätischen     Raum     sowie     den     Autonomie- bestrebungen    der    Stadt    Chur    und    der    ländlichen    Gerichtsgemeinden.    Es bildeten    sich    neue    übergreifende    politische    Organisationsformen,    wie    der Gotteshausbund   (1367),   der   Obere   Bund   (1395/1424)   und   der   Zehngerichten- bund   (1436).   Der   Wandel   von   der   feudalen   zu   einer   dualistisch   strukturierten Bischofsherrschaft   durch   eine   landständische   Ordnung   war   unaufhaltsam.   Sich mehrende     Verkäufe     und     Verpfändungen     unter     Bischof     Siegfried     von Gelnhausen   (1298–1321),   insbesondere   dann   die   häufige   Ortsabwesenheit   des Churer   Bischofs   Peter   Gelito   (1356–1368)   und   die   durch   ihn   an   österreichische Herzöge    gegen    ein    Jahrgeld    übergebenen    landesherrlichen    Rechte    samt Einkünften   zwangen   das   Churer   Domkapitel,   die   Dienstleute,   die   bischöflichen Talgemeinschaften    Domleschg,    Schams,    Oberhalbstein,    Bergell,    Ober-    und Unterengadin     sowie     die     Stadtgemeinde     Chur     zu     einem     aus     der     Not erwachsenen    Zusammenschluss    gegen    den    Bischof    mit    der   Absicht,    keine weiteren    fremden    Bistums-    und    Hochstiftsverwalter    zu    akzeptieren    sowie willkürliche     Veräusserungen     von     Gütern     des     Gotteshauses     (ohne     ihre ausdrückliche    Zustimmung)    inskünftig    zu    verhindern.    Ziel    war    die    land- ständische    Mitwirkung    an    der    bischöflichen    Landesherrschaft,    welche    trotz Einschränkungen    –    die    zum    Teil    erfolgreichen    Autonomiebestrebungen    der Stadt   Chur   gegenüber   dem   Bischof   und   der   nicht   verwiklichte   Wunsch   der   Stadt nach   Reichsfreiheit   (freie   Reichsstadt)   nach   1464   sind   beispielhaft   –   bis   zur Reformation intakt blieb. Der   Einfluss   der   österreichischen   Herzöge   reichte   bis   hin   zu   neuen   Kloster- stiftungen:   so   war   die   Gründung   des   Klarissenklosters   in   Meran   (1309)   eine Stiftung   des   Tiroler   Landesfürsten   bzw.   seiner   Gemahlin.   Ferner   gelangen   im 14.   Jahrhundert   weitere   franziskanische   Niederlassungen   auf   Diözesangebiet (Viktorsberg und Valduna). Die   politischen   Spannungen   im   Bistum   zwischen   habsburgfreundlichen   Ober- hirten    und    den    einzelnen    Bünde    hielten    auch    im    15.    Jahrhundert    an    und eskalierten    im    Schwabenkrieg    1499.    Während    der    Gotteshausbund    damals wenigstens   für   kurze   Zeit   gestärkt   aus   den   Kriegshandlungen   mit   Österreich hervorging,   konnte   sich   Bischof   Heinrich   von   Hewen   (1491–1505)   nicht   gegen die   aufgrund   seiner Abwesenheit   eingesetzte   vierköpfige   Regentschaft   über   das Hochstift    Chur    durchsetzen,    übertrug    1504    die    weltliche    Verwaltung    des Bistums    dem    Churer    Domkapitel,    welches    seit    1448    bis    1806    das    freie Bischofswahlrecht    besass,    und    willigte    in    die    Bestellung    eines    Diözesan- administrators   in   der   Person   Paul   Zieglers   ein.   Trotz   der   instabilen   politischen wie   prekären   finanziellen   Verhältnisse   der   bischöflichen   Herrschaft   zeigten   sich am   Ende   des   Spätmittelalters   im   Bistum   Chur   erste   Ansätze   einer   religiös- kirchlichen   Erneuerung.   Heinrich   von   Hewen   hielt   1492   eine   Diözesansynode ab,   deren   Statuten   weitgehend   mit   jenen   der   Konstanzer   Synode   von   1483 übereinstimmten.    Sie    zielten    vor    allem    auf    eine    Klerusreform,    von    deren Umsetzung   jedoch   wenig   zu   spüren   war.   1497   veranlasste   Hewen   zudem   die Herausgabe   des   ersten   gedruckten   Missale   Curiense,   1503   auch   eines   Rituale Curiense. Am   Ende   des   15.   Jahrhunderts   bestanden   im   Bistum   in   den   acht   Dekanten   183 Pfarreien   mit   über   280   Kaplaneien.   Vor   dem   Hintergrund   der   Machtübernahme der   Habsburger,   des   Herrschaftswandels,   des   bischöflichen   Machtverlustes   und magelhaften   Führungstils   oft   abwesender   Hirten,   der   kommunalen   Verfestigung autonom    agierenden    (Gerichts-)    Gemeinden    und    der    Ausformung    neuer politischer    Führungsschichten    in    Rätien    bzw.    in    dem    neuen    Gebilde    der «Gemeinen   Drei   Bünde»   (1471–1797)   bildete   sich   um   1500   allmählich   eine Plattform für die Ausbreitung des reformatorischen Gedankenguts. Den   nach   1520   einsetzenden   konfessionellen   Umwälzungen   zeigte   sich   Bischof Paul   Ziegler   (1509–1541)   nicht   gewachsen.   Der   Ausbruch   der   Reformation   in Bünden    führte    zum    Aufstand    gegen    die    weltliche    Herrschaft    des    Churer Bischofs   und   zu   seiner   Entmachtung   als   Landesherr.   Die   «Ilanzer Artikelbriefe» von   1524   und   1526   stärkten   nicht   nur   die   Autonomie   der   Gemeinden,   sondern befreiten   diese   von   Zehntabgaben   und   räumten   ihnen   das   Pfarrwahlrecht   sowie die Absetzung   eines   Geistlichen   ein.   Die   bischöfliche   Herrschaft   reduzierte   sich auf   den   Churer   Hofbezirk,   auf   die   im   Vinschgau   gelegene   Feste   Fürstenburg, die   Herrschaft   Grossengstingen   in   Schwaben   und   auf   Reste   in   Graubünden (Münstertal,   Obervaz,   Fürstenau   im   Domleschg).   Bischofssitz   blieb   trotz   der protestantisch gewordenen Stadt immer Chur. Der   Reformationsverlauf   in   Bünden   zog   sich   aufgrund   der   starken   Autonomie der   Gemeinden   bis   zum   Beginn   des   17.   Jahrhunderts   hin,   wobei   weite   Gebiete des    Gotteshaus-    und    Zehngerichtenbundes    sich    spätestens    in    der    zweiten Hälfte   des   16.   Jahrhunderts   für   das   reformierte   (zwinglianische)   Bekenntnis entschieden.   Auch   im   Dekanat   «Unter   der   Landquart»   wurden   11   Pfarreien evangelisch    (Herrschaften    Werdenberg    und    Sax).    Katholisch    blieben    die Mehrheit   des   Oberen   Bundes,   ferner   das   Urserntal,   das   Sarganserland,   das Linthgebiet,   das   Territorium   des   Fürstentums   Liechtenstein,   Vorarlbergs   und Tirols.   Von   den   um   1525   bestehenden   191   Pfarreien   wechselten   73   (davon   62 in Bünden) zum neuen Glauben. Für   eine   dringend   notwenige   innerkirchliche   Reform   war   die   bedrängte   wie geschwächte   Churer   Bistumsleitung   nach   dem   Konzil   von   Trient   (1545–1563) noch    nicht    gerüstet,    sondern    bedurfte    externer    Hilfestellungen    seitens    des Mailänder      Erzbischofs      und      Kardinals      Carlo      Borromeo      und      weiterer apostolischer    Sondergesandten.    Erst    nach    1590    setzten    unter    Druck    von aussen   erste   bischöfliche   Reformbestrebungen   ein;   wie   notwendig   diese   primär im    Klerus    und    in    der    weitgehend    vernachlässigten    (Sakramenten-)Pastoral waren,   zeigen   die   Auswertungen   der   Visitiation   von   1595   in   den   katholisch gebliebenen Gebieten der Dekanate Walgau und Vinschgau. Zu    Beginn    des    17.    Jahrhunderts    setzten    dann    bistumseigene    Reformkräfte klare   Zeichen   zum   Willen   einer   innerkirchlichen   Erneuerung.   Als   erster   Churer Reformbischof   ist   Johann   V.   Flugi   von   Aspermont   (1601–1627)   zu   nennen, dessen   eindeutige   Reformbestrebungen   schriftlichen   Niederschlag   in   den   1605 gedruckten    «Decreta    et    Constitutiones»    fanden    und    beim    diözesaneigenen Klerus    beginnen    mussten.    Die    «Decreta»    dienten    gleichzeitig    als    wichtiges Ersatzinstrument   für   eine   im   Bistum   Chur   schon   aus   finanziellen   wie   auch   aus politischen   Gründen   in   nachtridentinischer   Zeit   nie   durchgeführten   Diözesan- synode.   Nicht   nur   die   bischöfliche   Wirkungszeit   Johanns   V.,   sondern   auch   die Amtszeiten   seiner   beiden   Nachfolger   Joseph   Mohr   (1627–1635)   und   Johann   VI. Flugi    von    Aspermont    (1636–1661)    waren    überschattet    von    den    «Bündner Wirren»   im   Freistaat   der   Drei   Bünde,   einer   Zeit   der   gefährlichen   Bündnispolitik mit   den   angrenzenden   Mächten,   Landes   internen   Parteienkonfikten   und   sich häufenden   Strafgerichten,   welche   nicht   zuletzt   den   Churer   Bischof   betrafen (1618).   Unter   dem   zeitweiligen   österreichischen   Schutz   gelangen   1622/23   in Lindau   bzw.   Chur   Verträge,   welche   nicht   nur   die   Rückerstattung   der   verlorenen Güter   und   Herrschaftsrechte   sowie   die   freie   Bischofswahl   garantierten,   alle   seit 1524/26   gegen   Bistum   und   Hochstift   gerichteten   Artikel   für   null   und   nichtig erklärten,    sondern    auch    dem    Bischof    seine    kirchlichen    Jurisdiktionsrechte zurückgaben,   freie   katholische   Glaubensausübung   und   die   Tätigkeit   kirchlich anerkannter    Orden    in    Bünden    erlaubten.    Aufgrund    dieser    Bestimmungen begann   1622   die   grossmehrheitlich   segensreiche   Wirksamkeit   der   Kapuziner   in Bündner    Pfarreien.    Ferner    konnten    die    Churer    Bischöfe    auch    auf    dem Territorium   der   Drei   Bünde   Visitationen   durchführen;   eine   Gesamtvisitation   des Bistums   Chur   gelang   unter   Johann   VI.   zwischen   1638   und   1643.   Die   Hoffnung auf   vollständige   Restitution   der   durch   die   Reformation   verlorenen   bischöflichen Güter   und   Rechte   blieb   hingegen   unerfüllt,   da   hierfür   die   Rückendeckung   der Grossmächte    ausblieb.    Wenigstens    gelang    1636    die    Wiederansiedlung    der Prämonstratenser   in   St.   Luzi   in   Chur,   welche   während   fast   100   Jahren   in   der dem    Kloster    inkorporierten    Pfarrei    Bendern    weilten,    kurzzeitig    auch    die Wiedereröffnung   des   1538   geschlossenen   Dominikanerklosters   St.   Nicolai   in der   Stadt   Chur   (bis   1653)   und   die   von   Bludenz   aus   durch   Dominikanerinnen gelungene    Neuansiedlung    in    Cazis.    Ferner    kamen    im    Laufe    des    17.    Jahr- hunderts   Gründungen   von   Kapuzinerklöstern   in   Meran,   Schlanders,   Feldkirch, Bludenz und Mels zustande. In     der     durch     das     Konzil     von     Trient     im     «Seminardekret»     von     1563 angestossenen    Reform    der    Priesterausbildung    setzte    der    Jesuitenorden    bis 1773    klare    Akzente,    indem    er    mittels    eines    ganzen    Netzes    von    Jesuiten- kollegien   und   -universitäten   in   Europa   dem   künftigen   Weltklerus   die   Möglichkeit zu   einem   fundierten   Studium   bot.   Auch   die   Churer   Alumnen   waren   bis   1649/80 gezwungen,   ausschiesslich   ausserhalb   der   Bistumsgrenzen   an   Bildungszentren der   Società   Jesu   nördlich   oder   südlich   der Alpen   zu   studieren;   erst   Mitte   des   17. Jahrhunderts   gelang   unter   Bischof   Johann   VI.   nach   langem   Hin   und   Her   eine entsprechende    Niederlassung    in    der    Stadt    Feldkirch    (Jesuitenkolleg    mit Gymnasium). Im    Zuge    der    Seelsorgereform    teilte    man    alte    Grosspfarreien    in    kleinere selbständige   Pfarrsprengel   auf.   Im   Zeitalter   des   Barocks   entstanden   vielerorts teils   neue   oder   teils   stark   umgebaute   sowie   künstlerisch   reichlich   ausgestattete Gotteshäuser.   Parallel   dazu   förderten   Seelsorger,   vor   allem   die   Kapuziner,   neue Formen    barocker    Volksfrömmigkeit    als    klares   Abbild    des    wieder    erstarkten katholischen    Glaubens.    Im    Laufe    der    Amtszeit    Johanns    VI.    konnten    die politischen    wie    konfessionellen    Differenzen    in    Bünden    mehrheitlich    friedlich beigelegt   werden   –   ein   von   der   1586   gegründeten   Nuntiatur   in   Luzern   lanciertes «Quasibistum»   Disentis,   dem   14   Pfarreien   des   Dekanats   Surselva   zugeordnet werden   sollten,   war   zum   Scheitern   verurteilt   –,   so   dass   seine   beiden   Nachfolger in   der   zweiten   Hälfte   des   17.   Jahrhunderts   (Ulrich   VI.   de   Mont   [1661–1692]   und Ulrich   VII.   von   Federspiel   [1692–1728])   in   ruhigeren   Bahnen   das   Bistum   Chur zu führen vermochten. Rekatholierungsversuche   im   Prättigau   und   Unterengadin   waren   früh   gescheitert und   mussten   dem   Klima   eines   konfessionellen   «Nebeneinanders»   in   Bünden Raum   geben.   Den   Churer   Bischöfen   erlaubte   diese   Situation   einerseits   (nach einem    längeren    Unterbruch    infolge    der    reformatorischen    Wirren),    sich    als legitime   geistliche   Reichfürsten   wieder   vermehrt   auf   dem   Parkett   der   Reichs- politik   zurückzumelden   und   sich   auf   den   seit   1664   regelmässig   zu   Regensburg einberufenen   Reichstagen   würdig   vertreten   zu   lassen. Andererseits   stand   es   im Interesse   ihrer   überregionalen   Stellung,   die   eigene   Churer   Residenz   auf   dem Hof   nicht   nur   zu   sanieren,   sondern   nach   gelungenem   Abbau   eines   massiv drückenden   Schuldenberges   ihre   Sitze   in   Chur   und   im   oberen   Vinschgau   –   die Feste Fürstenburg – standesgemäss ausbauen zu lassen. Die   Zeit   des   Barock   als   eine   Epoche   wiederaufblühender   katholicher   Kultur zwischen    Konfessionalisierung    und    Aufklärung    darf    nicht    darüber    hinweg- täuschen,   dass   auch   auf   dem   Territorium   des   Churer   Bistums   in   unrühmlicher Komplizenschaft    mit    evangelischen    Gemeinden    diverse    Wellen    von    Hexen- verfolgungen   zu   verzeichnen   sind,   welche,   wenn   auch   vor   weltlichen   Gerichten durchgeführt,   von   kirchlicher   Seite   viel   zu   lange   Unterstützung   fanden   oder geduldet   wurden.   Eine   deutliche   Kehrtwende   in   diesem   verwerflichen   Verhalten, das   unzähligen   unschuldigen   Menschen   (in   der   Mehrzahl   Frauen)   das   Leben kostete, war erst ab Mitte des 17. Jahrhunderts zu spüren. In   der   zweiten   Hälfte   des   18.   Jahrhunderts   wurde   der   traditionell   enge   wie zeitweilig   auch   vertraglich   abgesicherte   Anschluss   der   Churer   Bischöfe   an   das Haus   Österreich   einer   schweren   Belastung   ausgesetzt.   Johann   Baptist   Anton von   Federspiel   (1755–1777)   und   Franz   Dionys   von   Rost   (1777–1793)   standen nicht   nur   in   kritischer   Distanz   zu   den   Strömungen   der   Aufklärung,   sondern sahen   sich   alsbald   im   Kampf   gegen   das   aufgeklärte   Staatskirchentum   Maria Theresias   und   Josephs   II.,   welches   vor   allem   unter   Bischof   von   Rost   in   den österreichischen   Bistumsanteilen   in   Tirol   und   Vorarlberg   hart   zu   spüren   war   und folgeschwere    Konsequenzen    nach    sich    zog.    Von    Rost    musste    die    meisten staatlichen   Reformen   und   Massnahmen,   die   Kaiser   Joseph   II.   zwischen   1781 und    1789    in    atemberaubendem    Tempo    erliess,    hinnehmen,    darunter    die Klosteraufhebungen    im    Vinschgau    und    Burggrafenamt    (Klarissen    in    Meran, Kartäuser    im    Schnalstal,    Dominikanerinnen    in    Algund,    Hieronymitaner    am Josephsberg   ob   Forst)   sowie   in   Vorarlberg   (Klarissen   in   Valduna,   Minoriten   auf dem   Viktorsberg).   Von   Anfang   an   zäh   und   letztlich   wenig   «ertragsreich»   verlief hingegen     das     josephinische     Pfarreieinrichtungsgeschäft.     Das     Bestreben Josephs   II.,   auch   im   Westen   Österreichs   die   Landes-   mit   den   Diözesangrenzen in   Übereinstimmung   zu   bringen   (Diözesanregulierung)   und   die   österreichischen Teile    des    Bistums    Chur    –    Dekanate    Vinschgau    und    Walgau    –    mit    den vorarlbergischen   Teilen   der   Bistümer   Konstanz   und   Ausburg   zu   einem   neuen Bistum   Bregenz   zusammenzuführen,   verlief   zu   Lebzeit   des   Kaisers   erfolglos und   die   Pläne   verschwanden   in   den   Schubladen   der   Innsbrucker   bzw.   Wiener Amtsstuben. Der   josephinische   Grundsatz   hingegen,   künftig   keinen   ausländischen   Bischof auf   österreichischem   Territorium   zu   dulden,   blieb   virulent   und   wurde   zu   Beginn des   19.   Jahrhunderts   nach   dem   Zusammenbruch   der   alten   Ordnung   im   Reich (Säkularisation   1802/03,   Untergang   des   Heiligen   Römischen   Reichs   Deutscher Nation   1806)   umgesetzt.   Per   Breve   vom   27.   Januar   1816   wurden   die   Churer Dekanate    Vinschgau    und    Walgau    (ohne    Liechtenstein)    vom    Bistum    Chur abgetrennt    und    Brixen    bzw.    Trient    zugeordnet    –    in    materieller    wie    ideeller Hinsicht   ein   herber   Verlust   für   das   bereits   durch   die   Reformation   geschmälerte Bistum,   welches   damit   in   seinem   historischen   Umfang   betrachtet   zu   seinem Ende kam. Erst    die    umfangreiche    Neuordnung    der    Diözesen    in    Deutschland    und    der Schweiz   verschafften   Chur   1819   mit   dem   Zuwachs   der   «Schweizer   Quart»   des 1821/27    untergegangenen    Bistums    Konstanz    eine    beträchtliche    Erweiterung und   setzt   damit   den   zeitlichen   Beginn   zu   einer   Churer   Bistumsgeschichte   in neuer Zirkumskription. Nachdem    Chur    1816    seine    ausserschweizerischen    Gebiete    (Vorarlberg    und Vinschgau)   bis   auf   Liechtenstein   verloren   hatte   -   die   in   Österreich   gelegenen Teile   kamen   1808   provisorisch   und   1816/18   endgültig   an   Brixen   und   Trient   -, erhielt   die   geschrumpfte   Diözese   1819   fast   sämtliche   Gebiete   der   “Schweizer Quart”   des   Bistums   Konstanz,   das   1821/27   aufgelöst   wurde,   zur Administration. Während    der    Stand    Schwyz    sich    bereits    1824    definitiv    dem    Bistum    Chur anschloss,   führten   Verhandlungen   mit   den   übrigen   Urkantonen   nie   zum   Erfolg, so   dass   Uri   (ohne   Urserntal)   sowie   Ob-   und   Nidwalden,   aber   auch   Zürich   und Glarus    bis    heute    nur    provisorisch    dem    Churer    Sprengel    zugeordnet    sind. Andere   ehemals   konstanzische   Gebiete,   also   die   Kantone   Bern,   Luzern,   Zug und   Solothurn,   fielen   1828,   Thurgau   und   Aargau   1830   an   das   ebenfalls   neu umschriebene   Bistum   Basel.   Nach   der   Aufhebung   der   Fürstabtei   St.   Gallen durch    die    Regierung    von    St.    Gallen    (1805)    wurde    1823    von    Rom    ein Doppelbistum   Chur   -   St.   Gallen   errichtet;   in   der   Gallusstadt   amtete   ein   eigener Generalvikar.   Bis   1836   wurde   das   Gebiet   der   ehemaligen   Fürstabtei,   der   Stadt St.   Gallen   und   die   dazu   gehörenden   Gemeinen   Herrschaften   in   Personalunion mit   Chur   verwaltet,   aufgrund   wachsenden   Widerstandes   jedoch   1847   getrennt und   St.   Gallen   zu   einer   selbständigen   Diözese   erhoben.   1867   trat   schliesslich das   Bistum   Como   die   Pfarreien   Brusio   und   Poschiavo   an   Chur   ab,   so   dass   seit 1869 der gesamte Kanton Graubünden dem Churer Bischof untersteht. MEHR Das     heutige     Churer     Diözesangebiet     umfasst     mit     den     oben     genannten Administrationsgebieten     nach     der    Abtrennung     Liechtensteins     (1997     zum Erzbistum     Vaduz     erhoben)     12’272     Quadratkilometer     mit     insgesamt     307 Pfarreien    (unterteilt    in    3    Bistumsregionen    [Graubünden,    Urschweiz,    Zürich- Glarus] mit 16 Dekanaten). MEHR
Neuzirkumskription im 19. Jahrhundert Von den Anfängen bis ins 9. Jahrhundert Bischöfliche Herrschaft im Mittelalter (10.-15. Jahrhundert) Reformation und Katholische Reform (16. / 17. Jahrhundert) 18. und 19. Jahrhundert (bis 1816)

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Bistümer der Schweiz um 2000 Karte 6 Bistum und Hochstift [violett] um 1500 Karte 2 Bistum vor 1800 [blau = reformiert] Karte 4 Albert Fischer, Das Bistum Chur, Band 1, Konstanz 2017 Bistums- und Dekanatsgrenzen  (bis 1816) Karte 1
Freistaat der Drei Bünde (bis 1797) Karte 3 Konfessionsverhältnisse im 17. Jh. Karte 5